Klosteranger: der neue Top-Lagrein der Abtei Muri-Gries. Kommentar von Christof Zeller

Neben dem erstklassigen Lagrein Riserva Abtei Muri 2015, wartete ein Lagrein Riserva, mit der Aufschrift Weingarten Klosteranger, am heutigen Abend auf seine Degustation. Ich traute meinen Augen nicht – es handelt sich dabei um nichts weniger als DEN neuen Superlativ am Lagrein-Himmel, verfügbar ab Juni 2018. Wenn jemand diesen Wein vor seiner Lancierung organisieren kann, dann wohl nur die Südtirol-Spezialisten von Weinvogel.

Für alle Ungeduldigen: der neue Wein wird erst im nächsten Abschnitt besprochen.

Wir eröffnen mit dem bisherigen Aushängeschild von Muri-Gries, dem Lagrein Riserva Abtei Muri 2015. Er verbreitet bereits in der Nase seinen betörenden Duft von reifen, schwarzen Kirschen und angenehm säuerlichen, schwarzen Johannisbeeren. Daneben ergänzen dezente, würzige Kräuteraromen und ein Duft von Karamell und Nougat das Gesamtbild. Der erste Schluck bestätigt den vorherigen Eindruck und macht das Erlebnis mit etwas Bittermandel und präsentem, aber rundem Tannin sowie einer angenehm strukturierenden Säure zum Hochgenuss. Schnell wird klar, wieso alle Weinführer diesen Wein regelmässig in die oberen Punkteränge einordnen.

Zum Hauptakt des heutigen Abends: Der Lagrein Riserva Weingarten Klosteranger 2014. Da der vorherige Wein bereits ein erstklassiges Gewächs ist, wird die Luft für eine passende Bezeichnung dünn. Es bietet sich wohl oder übel ein Superlativ an. Vielleicht handelt es sich – in Anlehnung an die bekannten Weine aus der Toscana – hier effektiv um den ersten Super(süd)tiroler?!

Bereits die dichte, purpurne Farbe, mit welcher der Weingarten Klosteranger ins Glas plätschert bzw. viel eher gleitet, verspricht einiges. Kaum die Nase im Glas (nein, nicht zu tief), folgt die grosse Enttäuschung: Etwas kalter Rauch und getoastete Eiche, ansonsten nichts… Offensichtlich wurde hier sehr reduktiv (ohne Sauerstoffkontakt) ausgebaut, was zwar für einen langlebigen Wein mit grossem Potential spricht, aber für den Moment einiges an Geduld verlangt. Eine kaum enden wollenden Stunde später dann der zweite Versuch. Und siehe da: Aromen von getrockneten Heidelbeeren, schwarzen Kirschen, Hagenbuttentee, etwas Kaffee und Vanille wetteifern um die Aufmerksamkeit – eine überwältigende Vielschichtigkeit und Intensität. Im Gaumen zeigt sich dann, wie viel Wein in diese Flasche gefüllt wurde. Durch die ausgiebige Extraktion der Fruchtaromen schmeicheln süsslich-reife schwarze Kirschen, saftige Zwetschgen, (über)reife Heidelbeeren und zum Ausgleich etwas schwarze Olive dem Gaumen. Die Dichte und der volle Körper werden durch griffige, aber noch viel zu grobkörnige Tannine und Gerbstoffe und einer präsenten Säure im Zaum gehalten. Auch die Lagrein-typische Bittermandel zeigt sich im hinteren Gaumen. Die Aromen klammern sich im langen Abgang richtiggehend an den Gaumen und wollen kaum verschwinden.

Es fällt schwer, diesen Wein in eine Kategorie des Südtirols einzuordnen. Sicher kann festgehalten werden, dass die Kellerei Muri-Gries damit aufzeigt, warum der Klosteranger als Herzstück des Weinguts gilt. Ab da wird es schwierig. Dem Lagrein wird bis anhin ein grosses Alterungspotential bzw. ein grosser Qualitätssprung durch die Flaschenlagerung abgesprochen. Dieses Klischée dürfte mit diesem Wein wohl als überholt gelten.

Bleibt die Frage, ob Lagrein als Superpremium-Wein seine Berechtigung hat – das Potential, solche Weine hervorzubringen, hat er offensichtlich. Ich gehe die Wette ein und werde einige dieser Raritäten einlagern – um die Wartezeit bis zu deren Reife überbrücken zu können, eignet sich der Lagrein Riserva Abtei Muri 2015 ideal.

Über den Autor:

Nach seinem Abschluss in Rechtswissenschaften an der Universität Zürich und neben seine beruflichen Tätigkeit an verschiedenen Gerichten und Ämtern begann Christof Zeller sich in Oenologie auszubilden. So konnte er einem Interessengebiet frönen, das ihn schon früh fasziniert hat.

Nach erfolgreichem Abschluss der Weinhandelsdiplome WSET 2 in Zürich und WSET 3 in London ist er zurzeit daran, sich an der Weinakademie Österreich zum Weinakademiker (WSET 4 Diploma) ausbilden zu lassen. Ob auch das Studium der Rechtswissenschaften oder die Tätigkeit an den Gerichten seine Urteilsfähigkeit geschärft haben, kann vorliegend offen bleiben.